Fluter

Stephanie Wurster

Junge Autor/innen arbeiten zurzeit deutsche Vergangenheit auf, massiv, Kriegsvergangenheit vor allem. In Christian Krachts "Faserland" deutete sich das vor acht Jahren schon an: Rentner sahen für den Protagonisten grundsätzlich nach "Nazis" aus. Zum Analysieren blieb ihm auf seiner Roadtrip aber keine Zeit, wohl auch keine Lust. Als die "Popliteratur" dann voll da war, ging es vor allem ums Selbst, Jetzt und die Posse. Ein stark autobiografisch eingefärbter Anti -Diskurs sozusagen. Zurzeit wird viel über die Großvätergeneration geschrieben, über das Erinnern und die Vertriebenen (zum Beispiel Christoph Amend, Tanja Dückers und Olaf Müller). Auf der Suche Mit "Cut!" von Merle Kröger bekommt die Schuld-und-Sühne-Debatte jetzt eine subkontinentale Erweiterung. Die 36-jährige Filmemacherin hat ihren Krimi an der Figur einer jungen Halb-Inderin aufgebaut: Madita lebt in Hamburg als glücklose (Mit-)Betreiberin eines Off-Kinos. Ihre Mutter Emma ist geistig verwirrt, den Vater gibt es nicht. Oder doch? Madita erfährt, dass er munter als Arzt in London lebt und von der unehelichen Tochter offenbar nichts weiß. Sie begibt sich mit ihrem Freund Nick auf die Suche nach ihm. Um Schwung in die marode Beziehung zu bringen, ziehen sie das Ganze als Detektivgeschichte auf - ohne zu ahnen, dass sie einem echten Verbrechen auf der Spur sind. Die Reiseroute Hamburg - London - Bombay ist mit mysteriösenToden gesäumt, jeder ein weiterer Baustein zu den blinden Flecken in Maditas Familienbiografie.
Eine wichtige Rolle darin spielt der in Indien auch heute noch als Volksheld verehrte Chandra Bose. Der charismatische Bose – sein Leben wird gerade als Bollywood-Film aufbereitet und kommt nächstes Jahr in die Kinos - kämpfte in den 1930er- und 1940er-Jahren für die Freiheit Indiens. Bose war ein Weggefährte Gandhis, wählte dann aber den gewaltvollen Weg. Eine Anfrage an Hitler 1941, ihm mit deutschen Soldaten beim Vertreiben der englischen Kolonialmacht zu helfen, lehnte dieser ab. Man einigte sich aber auf einen Kompromiss. Bose gründete die in die Wehrmacht integrierte "Indische Legion", die zum großen Teil aus Kriegsgefangenen der britisch-indischen Armee aus dem Afrika-Feldzug zusammengesetzt war. Im Schnelldurchlauf bildeten deutsche Offizieren die 3000 so genannten "Tiger" aus. Über Russland, den Himalaya und Afghanistan sollte es nach Indien gehen, und dort gegen die Engländer. Ein für Hitler angenehmer Nebeneffekt: die Aufmerksamkeit weg vom europäischen Kriegsschauplatz zu lenken. Diese spektakuläre Geschichte taucht in Merle Krögers "Cut!" immer wieder auf. Und ähnlich wie in Chris Kraus' 2002 erschienenen Roman "Scherbentanz" sind die Nazi-Sünden einAuslöser für die Verrücktheit der Mutter. Ein bisschen viele Handlungsstränge laufen kreuz und quer durch den von der Autorin zügig und gekonnt zusammenhaltenen Textkörper, die unterschiedlichen Erzählweisen (unter anderem Regieanweisungen) geben ihm zusätzlich Struktur. Und verliebt wird sich auch noch. Also: lesen!