WDR Funkhaus Europa

Krimitips von Ulrich Noller (Mai 2003)

Es gibt sie tatsächlich, die kleinen Wunder im Geschäft mit der Kriminalliteratur, zum Beispiel Merle Krögers bemerkenswerter Debütroman "Cut". Unverlangt eingesandt kam das Manuskript zum Argument Verlag, der normalerweise ein Garant dafür ist, dass ein Roman niemals als fertiges Buch das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Dessen war sich die Autorin anscheinend aber bewusst, also meldete sie ihr Romankonzept beim Verlag telefonisch an. Man kam ins Gespräch, man war sich sympathisch, man verbiss sich gemeinsam in die Roman-Idee und schon gingen die Dinge ihren Gang, war eine neue Hoffnungsträgerin des deutschen Kriminalromans geboren.
"Cut" erzählt die Geschichte von Madita und Nick. Die beiden sind um die Dreißig; sie organisiert in einer besetzten Hamburger Fabrikhalle das Programmkino, er ist DJ mit einem Schwerpunkt auf Filmsoundtracks. Als die alte Fabrik geräumt und abgerissen werden soll, scheint erst einmal alles zu Ende zu sein. Aber Madita und Nick bekommen vom Käufer eine Entschädigung, weil sie das Gelände freiwillig geräumt haben. Da die beiden nicht recht wissen, was sie sonst machen könnten, gründen sie eine Detektivagentur und machen sich direkt an den ersten Testfall: Maditas Vater, den sie nie kennen gelernt hat, stammt aus Indien. Die Mutter ist verrückt, von ihr kann Madita nicht viel erwarten. Also macht sie sich zusammen mit ihrem Freund Nick selbst auf die Suche. Was Merle Kröger aus dieser Geschichte macht und wie sie ihr Thema umsetzt, das ist ganz hervorragend: Von Hamburg reisen Nick und Madita nämlich nicht nur nach London und Bombay, sondern in die Untiefen der deutsch-indischen Geschichte. Irgendwie hat Maditas Herkunftsgeschichte, das ahnt sie bald, mit der indischen Legion zu tun, einer Spezialeinheit der Wehrmacht, in der indischstämmige Soldaten für Hitler gegen England und zugleich gegen Ghandi kämpfen sollten. Und auf eine bestimmte Weise ist die Bedrohung, die von dieser fast vergessenen Vergangenheit ausgeht, für die Detektive noch heute nahe und präsent. Nick und Madita forschen und ermitteln, zunächst naiv, dann effektiv. Dann säumen die ersten Leichen ihren Weg, und schon bald wird ihnen klar, dass diese Toten kein Zufall sein können, dass sie womöglich als Nächste an der Reihe sind. Als Merle Kröger ihr Romankonzept dem Argument Verlag anbot, war sie nicht sicher, ob sie ein Drehbuch oder einen Roman aus ihrem Stoff machen sollte. Dass das Endprodukt nun zwischen Drehbuch, Roman und Erzählung changiert, kommt der Geschichte sehr zu Gute: Krögers Sprache ist einfach und bildstark; ihr Sinn für Dramaturgie und Spannung überzeugt und trotz des eng gesteckten Rahmens nimmt sie sich Zeit und Raum für sprachliche Experimente. Am meisten beeindruckt aber Merle Krögers Sinn für Charaktere: Wie gekonnt sie vom Hamburger Altnazi über die Londoner Arzthelferin bis zum indischen DJ alle möglichen, ganz verschiedenen Personen in ihre Geschichte integriert, das ist gelungen und kann sich sehen lassen. Als Hoffnungsträgerin kann man diese Autorin durchaus bezeichnen, und das ist das zweite kleine Wunder, das in diesem Buch einmal mehr seinen Ausdruck findet: Nach Jahren der Dürre scheint sich ein Frühling im Bereich des deutschsprachigen Kriminalromans abzuzeichnen. Eine handvoll junger Nachwuchsautoren wie Monika Geyer, Thomas Kastura oder Manuela Martini haben in letzter Zeit ambitionierte, gut gemachte, einfallsreiche Debütromane vorgelegt. Merle Kröger könnte sich zur Avantgardistin in diesem Bereich entwickeln. Damit wäre diese Autorin die Speerspitze einer höchst erfreulichen und längst überfälligen Entwicklung.