Funkhaus Europa - Krimitips

Grenzfall
Ulrich Noller

Extrem ungewöhnlich ist auch "Grenzfall" angelegt, der neue Roman der Berliner Autorin Merle Kröger, in dem die Realität mit den Mitteln der Fiktion fortgeschrieben und aufgearbeitet wird: Im Jahr 1992 wurden an der deutsch-polnischen Grenze zwei Roma aus Rumänen erschossen, weil Jäger sie mit Wildschweinen verwechselten. Es gab zwar einen Prozess, aber kein Urteil. Die Tat wurde nicht gesühnt, und niemand hielt es für nötig, die Familien der Erschossenen zu informieren. Zwanzig Jahre später, und hier beginnt die Fiktion, taucht die Tochter eines der Erschossenen in der Gegend auf - und damit auch sehr viele unbeantwortete Fragen.
Erstaunlich ist, wie Merle Kröger den realen Fall des "kleinen", eigentlich längst vergessenen Verbrechens aufgreift und mit dem Arsenal ihrer bisherigen Romane rund um die Ermittlerin Matti Junghans zu einer schlüssigen Geschichte montiert - und damit Bögen zieht von der Vergangenheit in die Gegenwart, aus der tiefsten Provinz in die große, globalisierte Welt und vom Vergessenen zum Aktuellen.
Politthriller, Noir, Abenteuerroman, Reportage - in ihrem Roman "Grenzfall" spinnt Merle Kröger die reale Geschichte mit fiktionalen Mitteln weiter. Interessant: Der Roman beruht in seinen "realistischen" Teilen auf dem Dokumentarfilm "Revision", den Merle Kröger produziert hat und der den Opfern des Verbrechens wie auch ihren Familien in Rumänien Gesichter und Geschichten gibt. "Grenzfall" ist ein ungewöhnlicher und kreativer Kriminalroman, der sich den gängigen Mustern des Genres konsequent verweigert - und gerade dadurch überzeugt.