Associated Press

Ruhelos zwischen Berlin und Bombay

Die Amsel ist eigentlich kein Zugvogel mehr. Aber Merle Kröger, die ihren Vornamen mit unserer Schwarzdrossel gemeinsam hat, zieht auch in ihrem zweiten Krimi «Kyai!» ruhelos zwischen Berlin und Bombay hin und her, bis die ebenso vielschichtige wie spannende Handlung an der Ostsee einen stürmischen Höhepunkt findet. An dem rätselhaften Titel sollte man sich nicht stören - er taucht erst auf Seite 136 zum ersten Mal beiläufig auf, spielt dann aber zum Schluss eine entscheidende Rolle. Auch die Vielzahl der Personen, Handlungsebenen und Themen ist zunächst ganz schön verwirrend - «lang und verschlungen wie das Drehbuch eines dreistündigen Bollywood-Films», so beschreibt die Autorin die Ausführungen eines indischen Filmproduzenten. Als Leser sollte man die Bereitschaft aufbringen, sich auf den langen Atem Krögers einzulassen, die auf mehr als 370 Seiten ein schillerndes Panorama der Globalisierung entfaltet. Die drei Hauptpersonen, dieselben wie in Krögers Erstlingswerk «Cut!», sind durch ein kompliziertes Beziehungsgeflecht miteinander verbunden: Maditha «Mattie» Junghans, die eine deutsche Mutter und einen indischen Vater hat, verlor Nick an den indischen Musiker Cal, hält aber weiter die Freundschaft zu dem unstet lebenden Journalisten aufrecht. Nach einem Überfall von Neonazis auf ihr Wanderkino lernt Mattie über deren eindrucksvolle Leibwächterin eine Staatssekretärin im Außenministerium kennen, Friederike von Westenhagen. Von ihr erhält sie den Auftrag, einen Werbefilm zu drehen, der indische Touristen nach Schleswig-Holstein locken soll. Bei den Dreharbeiten prallen die unterschiedlichen Lebenserfahrungen der handelnden Personen so heftig aufeinander, dass es gleich zu mehreren Katastrophen kommt. In den Mittelpunkt rückt auf einmal der Mann der Staatssekretärin, der einst im Ashram von Poona ebenfalls ein sehr spezielles Indien-Erlebnis hatte, nun aber eine höchst zwielichtige Rolle als Bundeswehr-Berater spielt. «Kyai!» ist eine anfangs etwas mühsame, dann aber höchst fesselnde Lektüre. Mit seinen Liebesgeschichten wie mit seinen Betrachtungen zur eigenen wie zur fremden Kultur ist «Kyai!» weit mehr als ein Krimi. Merle Kröger zeigt uns, dass unsere eigene Art zu leben ihre äußerst bizarren, geradezu indisch-exotischen Seiten hat. Wenn es nicht die traurige Gegenwart wäre, könnte man die Beschreibung von Cals Festnahme als Schwarzfahrer als überaus amüsante Kulturstudie lesen. Die Schnitte der auch als Filmemacherin arbeitenden Berliner Autorin sind etwas ruhiger ausgefallen als in ihrem vor drei Jahren vorgelegten Erstlingswerk «Cut!». Aber auch in «Kyai!» nutzt Kröger ihr filmisches Handwerkszeug für einen sehr direkten Blick auf ihre Szenen, die in erfrischend klarer Sprache beschrieben werden. Besonders einfühlsam der Stil, wenn das Geschehen aus der Sicht von Emma beschrieben wird, der psychisch kranken Mutter von Mattie. Manchmal scheint es fast zu viel, was die Autorin alles unterbringen will - Joschka Fischer, die Pariser Unruhen, den linksalternativen Internet-Nachrichtendienst Indymedia, die iranische Zeitgeschichte, Kung-Fu. Sinnvoll fassen kann man alle widersprüchlichen Welterfahrungen nur in der Liebe, und so endet «Kyai!» denn auch mit dem U2-Song «One». Erschienen ist «Kyai!» in der Reihe «Ariadne Krimi» des Hamburger Argument-Verlags, die weg will von den eingefahrenen Krimi-Mustern zwischen Verbrechen und Überführung des Täters und dabei für sich beansprucht: «Krimis sind für uns eine Art Widerstandskultur.