Frankfurter Rundschau

Kyai!
Sylvia Staude

In einem Genre, das mittlerweile die absonderlichsten Blüten treibt, ist das Label Frauenkrimi unspektakulär. Selbst homosexuelle Helden und lesbische Heldinnen sind heute kein Grund mehr, auf etwas anderes zu gucken als die Qualität des Textes, in dem sie ihr Wesen treiben. Das versucht seit Jahren die Reihe "ariadne krimi" im Argument-Verlag. Der Klappentext der Bände bezeichnet Krimis als "Widerstandskultur", als subversiv, als Ausloter gesellschaftlicher Widersprüche. Subversivität ist für alle Arten von Kunst, schon gar für Unterhaltungsliteratur, ein arg großer Anspruch - aber politische und gesellschaftliche Themen greift die in Berlin lebende ariadne-Autorin Merle Kröger in 'Kyai!' (ein Kampfschrei), ihrem zweiten Krimi, so beherzt wie überzeugend auf. Der Inder Cal und der Deutsche Nick haben in Indien das Problem, dass sie sich nicht als Paar outen können. In Indien wird Nick noch dazu überfallen, in Deutschland wiederum wird Cal, weil er ohne Pass und mit nicht vorschriftsmäßig abgestempeltem Fahrschein unterwegs ist, in Abschiebehaft genommen. Dabei soll er in Berlin eines dieser derzeit so beliebten Bollywood-Musicals inszenieren. Und, mittels eines Werbefilms, indische Touristen für den an hohen Arbeitslosenzahlen leidenden Norden Deutschlands gewinnen. Multikulti, wie es heute auch sein kann. Merle Krögers Krimi ist also auf der Höhe der Zeit, ihre Figuren sind so rund und bunt wie das Leben, und egal, ob es um Altersdemenz oder weibliche Bodyguards geht, nie hat man das Gefühl, dass die Autorin um jeden Preis modische Themen reinpackt. Kröger erzählt sorgfältig, plausibel, sauber. Zwar gibt es spannendere Showdowns als ihren windumtosten. Dass aber Mattie Junghans, die deutsch-indische Wanderkino-Betreiberin, und ihre Freunde dabei nicht weggeblasen werden, das lässt auf eine - weitere - Fortsetzung hoffen.