Funkhaus Europa

Kyai!
Ulrich Noller

Tja, wo anfangen? Wer über Merle Kröger und ihren neuen Roman 'Kyai!' berichtet, der muss erst einmal eine Entscheidung treffen: Welches Thema, welche Personen aus diesem aus diesem komplexen, nach vielen Seiten offenen Kriminalroman soll man herausgreifen, um letztlich auch nur eine Ahnung zu vermitteln von dessen thematischen und personellen Dimensionen? Mattie Junghans, die ein Wanderkino an der Ostseeküste entlang fährt und einen indischen Vater hat? Kamal Assadi, der aus dem Iran stammt und in Kiel Kampfsportler ausbildet? Jasmin, seine Tochter, halb Deutsche, halb Perserin, die nicht nur als Personenschützerin arbeitet, sondern Jura studiert und eines Tages zur UNO will? Nick Ostrowski, der aus Deutschland nach Indien ausgewandert ist und da auf seinen Durchbruch als investigativer Journalist wartet, wenn er nicht gerade DJ ist? Oder aber Cal Mukherjee, ein Bollywood-Aufsteiger, der in Berlin ein indisches Musical inszeniert, wenn er nicht versehentlich im Abschiebeknast Grünau auf seine Befreiung wartet? Oder Fünf Charaktere aus dem Kriminalroman 'Kyai', und damit sind noch nicht einmal die Hauptfiguren sämtlich erwähnt, geschweige denn die Nebendarsteller. Dann doch lieber Merle Kröger selbst: Geboren 1967, Halb-Inderin, wohnt in Berlin, Kuratorin, Künstlerin, Filmemacherin, Autorin. Ihren ersten Krimi 'Cut' veröffentlichte sie im Jahr 2003; da schon erwies sie sich als Expertin für filmisches Schreiben, als erfindungsreiche Beobachterin deutsch-indischer Themen, als Seismographin der Menschen um die Dreißig, als Migrationschronistin mit klarem Blick für gesellschaftliche Brüche. Auf Merle Krögers zweiten Roman haben Krimifans wie der Autor dieser Zeilen einerseits schon lange gewartet; andererseits war irgendwie auch klar, dass 'Kyai!' wenn überhaupt, dann zur Buchmesse 2006 mit dem Indien-Themenschwerpunkt erscheinen würde. Das Setting, die Beziehungen, die Story dieses Romans ist, sagen wir, fast so kompliziert wie die Welt; Merle Kröger scheint alles, aber wirklich alles, was sie bewegt, in ihre Geschichte gepackt zu haben. Das wirkt anfangs etwas überambitioniert; entwickelt dann aber, wenn die Geschichte sich entfaltet – nach 200 Seiten! – einen beeindruckenden Sog. Bollywoodromantik, indische Verhaltensweisen, geheime Bundeswehraktivitäen, politische Ränkespiele, gemeiner Behördenrassismus, all das bekommt dann sozusagen einen gemeinschaftlichen Sinn. Das Ergebnis ist ein üppiger Genreroman, der eigentlich alles hat, was Krimilesers Herz begehrt: Action, Intelligenz, Wortwitz, Situationskomik, Liebe, Verzweiflung, Leidenschaft, Kampf, Korruption, Bedrohung, Aufbegehren, Abschied, Erkenntnis, Aufklärung. Und die Krönung des Ganzen ist die großartige Idee, für strukturschwache Regionen der deutschen Ostseeküste indische Touristen zu gewinnen, indem man Werbespots in der Bollywood-Formensprache dreht. Respekt! Da kann die Bundesregierung sich was abgucken.