Krimi Welt

Krimi des Monats
Tobias Gohlis

Begründung "Krimi des Monats Januar" der KrimiWelt
Harmsdorf/ Berlin/ Bombay/ Pune: Aus dem Überfall einiger Bundeswehr-Brutalos auf Matties Wanderkino an der Ostseeküste entwickelt sich ein Erzähl-Tsunami. Deutsch-indisches Liebes-, Familien- und Psychodrama mit einem satten Schuss Politik. Was wurde aus den Bhagwan- Jüngern der 80er? Turbulent, komisch, scharf beobachtet, toll gesponnen. Kino und Kriminalroman: eine fruchtbare Spannung besteht zwischen den Medien. In Kyai! verwirbelt die Dokumentarfilmerin Merle Kröger wie in einem Kinohit aus Bollywood -zig Geschichten und einen Kriminalfall, made in Schleswig-Holstein. In Merle Krögers ersten Krimi, Cut! (2003) sucht Filmemacherin Madita 'Mattie' Junghans ihren biologischen Vater in Indien. Dort stoßen sie und der Journalist Nikolaus 'Nick' Ostrowski auf halb vergessene Spuren deutsch-indischer Geschichte. Der verschollene Vater taucht auf. Und der Fall, den die beiden selbsternannten Privtschnüffler verfolgen, führt zurück in die Zeit, als die Ideologie vom Ariertum zur Aufstellung indischer Freischärlertruppen führte, die dem nationalsozialistischen Deutschland den mittelöstlichen Rücken freihalten und Hitler zum Verbündeten indischer Unabhängigkeitsträume machen sollten. Private und politische Geschichte mixt kaum eine deutsche Autorin so amateurkoch-fröhlich gekonnt wie Merle Kröger. Dort, wo schlechtere Köchinnen mit rüder Politikdidaxe die Suppe versalzen oder mit einem Esslöffel zu viel Liebeszucker ihren Text zu Kitsch karamellisieren, tänzelt Kröger traumhaft sicher und spielerisch im Gourmetfach. Im ersten Roman klappte das schon erstaunlich, im zweiten, 'Kyai!', jongliert sie geradezu meisterlich mit den Zutaten über Kontinente hinweg. Auf den knapp 400 Seiten des Romans geschieht so viel, dass der eigentliche Kriminalfall beinahe aus den Augen gerät. An der schleswig-holsteinischen Küste schlagen testosteron-übersättigte Bundeswehrsoldaten eine Kneipe und Matties Wanderkino und beinahe sie selbst zu Klump, später wird ein Soldat als Leiche angeschwemmt. Was ist aus den Leuten geworden, die in den achtziger Jahren zu Baghwan Shree Rajneesh gepilgert waren, um in Poona ihr westliches Selbst abzuwerfen? Das war eine der Fragen, die Merle Kröger beschäftigten. Johannes von Westenhagen, Gutsbesitzer und Psychotherapeut, trainiert Bundeswehrsoldaten für den (offiziell ausgeschlossenen) Einsatz im Irak; seine Frau Frederike ist Staatssekretärin im auswärtigen Amt, SPD-Kandidatin und nutzt den Kontakt zur Halbinderin Mattie und einem Bollywood-Showprojekt in Berlin, um Schleswig-Holstein in einem Film indischen Gästen als Tourismusparadies vorzustellen. Kyai! Ist der Kampfruf ihrer persischen Leibwächterin, deren Immigrantenfamilie wiederum mit den Westenhagens durch eine dunkle Familiengeschichte verbunden ist. Cal Mukherjee, Komponist und Regisseur, trennt sich derwei in Bombay von seinem Freund, dem deutschen Journalisten Nick, aber statt in Berlin mit einer Bollywood-Show groß rauszukommen, landet er erstmal im Abschiebeknast. Allein die kleine Episode, wie er dorthin gelangt, weil er, was auch anderen Fremden in der 'Metropole' Berlin leicht passieren kann, die kryptischen Anweisungen auf den Fahrscheinautomaten nicht versteht, ist ein prächtiges Lehrstück zur finsteren Realität deutscher Ausländerintegrationsfähigkeit. Der klare unverstellte Blick Krögers, der uns Lesern unter anderem auch höchst komisch Einblick in die klinisch-paranoide Alltagsgegenwart von Oshos Ashram im heutigen Pune (Poona wurde umbenannt) verschafft, macht die Stärke dieses außergewöhnlichen Buches aus. Dort, wo mit hundertprozentiger Sicherheit das Klischee über uns hereinzubrechen droht, zeichnet sie genau beobachtend mit liebevoll karikierender Feder die Merkwürdigkeiten unserer global-provinziellen Gegenwart. Man vergleiche nur die Gutshof- Fleischkonserven, die uns aus in den TV- Vorabendprogrammen anöden, mit der von Kröger entfesselten Realität einer Adelsfamilie: Mutter Politikerin, Kinder in der Waldorfschule, Vater Bundeswehrtherapeut. Und verdrängt grummelt alte Familienschuld. Lässig knackt Kröger die Zwangsidylle. Nicht nur unserer blauäugigen patenten Familienministerin möchte man zurufen: Lesen Sie!